Der Regisseur Mike Flanagan hat es wieder getan. Nach Doctor Sleep und Das Spiel festigt er seinen Ruf als der wohl fähigste Stephen King-Interpret unserer Zeit. Doch wer bei „The Life of Chuck“ den typischen King-Horror erwartet, wird überrascht sein: Der Film ist kein Albtraum, sondern ein humanistisches Manifest.
Basierend auf der Novelle aus Blutige Nachrichten, erzählt der Film das Leben von Charles „Chuck“ Krantz (gespielt von einem glänzenden Tom Hiddleston) in umgekehrter Reihenfolge:
- Akt III: Die Welt geht unter. Das Internet bricht zusammen, Städte versinken, und überall tauchen mysteriöse Plakate auf: „39 großartige Jahre! Danke, Chuck!“
- Akt II: Ein magischer Moment der puren Lebensfreude – ein spontaner Tanzauftritt auf der Straße.
- Akt I: Die Kindheit eines Waisenjungen, der bei seinen Großeltern (Mark Hamill in einer seiner berührendsten Rollen) aufwächst.
Der Kern des Films ist ein Zitat von Walt Whitman: „Ich bin groß, ich enthalte Vielheiten.“ Flanagan macht daraus eine visuelle Liebeserklärung an das Individuum. Wenn ein Mensch stirbt, stirbt mit ihm nicht nur ein Körper, sondern eine ganze Welt – mit all ihren Erinnerungen, Liedern und flüchtigen Begegnungen.
Tom Hiddleston spielt Chuck nicht als Helden, sondern als Jedermann, dessen größte Leistung es ist, einfach da gewesen zu sein. Dabei schafft es der Film, die apokalyptische Stimmung des ersten Drittels gegen die die Wärme der Kindheitsszenen zu stellen und einen faszinierenden Kontrast zu schaffen. Es geht um die Angst vor dem Tod, aber mehr noch um die Akzeptanz der Vergänglichkeit.
Bei mir wirkte der Film allein dadurch, dass Schauspieler wie Mark Hamill und Mia Sara, die ich aus Jugendtagen kenne, hier wieder auftauchen, aber erheblich älter, als sie normalerweise in meinem Kopf herumschwirren – das gilt insbesondere für Mia Sara, die in meinem „Universum“ immer die hübsche Freundin von Ferris Bueller bleibt. Das unterstreicht die Aussage des ganzen Filmes.
Ein Wort noch zu Tom Hiddleston. Nachdem er (und dafür dürft ihr mich gerne kritisieren) sein Talent im Marvel-Universum verschwendet hat, zeigt er genau in solchen Produktion, wie auch schon zuvor in The Night Manager, dass er ein absoluter Charakterdarsteller mit einer unglaublichen Bildschirmpräsenz ist.
„The Life of Chuck“ ist ein seltener Glücksfall von einem Film. Er ist melancholisch, lebensbejahend und handwerklich makellos. Er ist die Art von Film, nach der man seine Liebsten anrufen möchte, nur um zu hören, wie es ihnen geht.

